Mensch hat ja durchaus Angst, sofort als Haarfetischist abgestempelt zu werden, aber so einem hübschen, goldenen Lockenkopf mehrere Minuten zugucken zu dürfen kann durchaus Entschädigung für einen wirklich beschissenen Tag sein.
Auch, wenn ich nur ungern Haarspanner bin.
Wenn du die Kinder (dem Duft nach) fragst, wer denn hier die Windel voll hat und sich das Kind, dass keine Windel trägt, meldet, dann hast du ein Problem.
Eigentlich müsste ich am Bersarinplatz raus, aber ich fahre weiter, bis zur Endstation und zurück. Weils warm und kuschlig ist und weil die Frau mit den fantastischen Locken und der leicht krummen Nase, die heute morgen schon in der Tram saß, als ich das erste mal losgefahren bin, schon wieder im selben Wagen sitzt und sie beim Aussteigen diesen dämlichen Zufall wenigstens bemerken soll. Hat sie auch, mehr aber nicht.
Das zweite mal bin ich dann losgefahren, weil ich die Kaffeemaschine angelassen habe. Was mir niemals in der Wohnung einfällt, sondern in einer Schrecksekunde etwa eine halbe Stunde nach Verlassen der Räumlichkeiten. Zurück, ausmachen, wieder hin, einsteigen. Das geplante Treffen zielsicher um eine halbe Stunde versetzt. Dann der leidige Flohmarktbesuch, direkt nach dem leidigen Ikea-Besuch am Vortrag. Die sicherlich allesamt Spaß machen würden, wenn meine Tränensäcke nur nicht so groß und mein Portemonaie nicht so klein wäre. Also ab, die schmerzende linke Ferse hinter mir her schleifend, durch Kitsch und Kram wühlen. Ich verstehe Leute nicht, die sowas kaufen. Auch nicht die, die sowas verkaufen. Der siebenunddreißigste Stand mit bedruckten T-Shirts, der achtunddreißigste mit alten Mensch-ärger-dich-nicht-Spielen. Was macht ihr eigentlich hauptberuflich?
Wenigstens gab es am Arkonaplatz einen Stand mit alten, ausrangierten Leuchtbuchstaben. Die zwar fünfzig Euro aufwärts kosten, aber erstens hat Sascha Lobo auch einen und zweitens kaufe ich mir den erst in zwei, drei Wochen, wenn das dämliche Parkett abgeschliffen, ich umgezogen und die noch zu kaufende Waschmaschine in der neuen WG bereits installiert ist.
So lange fahr ich Tram.
Heute noch mal eine relativ neuen Kitamutter mit einer einfühlsamen Konfliktlösung in gar verzwickter Situationen beeindruckt. Ist ja auch der letzte Tag für solchen Quatsch, ab Montag heisst es innerlich Abschied nehmen.
Der letzte Punkt auf dem Monatsplan, “Abschied von Helmut”, ließ mich schlucken. Vor dem Neubeginn, vor dem Abschied. Vor den Dingen, die ich mir vorgenommen und nicht geschafft habe. Vor den Dingen, die andere geschafft haben, obwohl ich sie hätte schaffen müssen. Vor den schönen Tagen, den stressigen Krankheitstagen. Dem einen Frühdienst, den vielen Nachmittagsdiensten. Den zwei Streitgesprächen, dem Bammel und der Aufregung danach. Vor meinen guten Angewohnheiten, die ich während der Zeit in der Kita abgelegt habe. Und den guten Angewohnheiten, die frisch dazukamen. (Vor der Krankenkasse, die immer noch nichts davon weiß, dass ich bald nicht mehr Familienversichert bin.)
Davor, dass die Kollegin manchmal gedacht haben muss, ich sei bescheuert.

(Verlängerter Arm dieser Bilder.)
“Haben wir eigentlich auch einen Keller?” “Wir sind im Keller!”
Also halte ich mich an der Perspektive, in der nächsten Zeit durch einen vierzig Zentimeter hohes, in den Boden eingelassenes fensterähnliches Dings Sonne zu empfangen und zumindest das nächste Wochenende Parkett zu polieren, wenn nicht morgen noch ein errettender Anruf aus der andern netten WG kommt.
Von Grund auf etwas aufzubauen. Ein gutes Gefühl, wenn da nicht diese Arbeit wäre.
Und dann saßen wir da und hörten Any Other Name. Und ich dachte: Beschissene Ironie des Schicksals, du hast ja recht, der nächste Track ist Still Dead, aber könntest du mir diesen einen Augeblick noch gönnen? Er blieb mir gegönnt, nur der Abschied danach kam wie ein Tritt in die Magengrube. Time to move on, nur wohin?
“Helmut war für mich früher der Inbegriff des alternativen Seins” sagt sie und guckt mich an. “Heute ist er ein Schnösel.”
Dann laufe ich, in der neuen Wolljacke von H&M, meinen schwarzen Carhartt-Jeans und den ledernen Adidas-Schuhen (Made in China & Tunesia, Gesamtwert 200€) durch das Tacheles und bin verdattert bis entsetzt, dass sowas überhaupt noch in Berlin, speziell in Mitte, existieren kann. Dreckige Räume, verlotterte Künstler und Dinge, die irgendwie schön sind, deren Anschaffung aber meistens an der Geschmacksfrage, zuletzt jedoch an der Geldfrage scheitert.
Ich laufe, mein fasziniertes Entsetzen war mir im Gesicht anzusehen, durch das ehemals besetzte Haus, setze mich auf eines der Sofas in der fünften Etage und trinke lieber einen Gin Tonic, weil ich um Mitternacht wirklich keinen billigen Rotwein aus Plastebechern gebrauchen kann.
Wo ist eigentlich meine Subversivität geblieben? Wann habe ich das letzte mal für jemanden ausser mir selbst gekämpft? Und warum heule ich allen Leuten die Ohren über meine Wohnsituation voll, kurz nachdem ich den American Beauty-Score bei Amazon (Prime) bestellt habe?
Konservativ bin ich geworden. Auf ersetzbare Werte starrend. Ich muss revolutionärer werden, in großeren Maßstäben denken. Die Fetten Jahre Sind Vorbei öfter ins MacBook legen.