Jackson´s Gorilla ist sensationell - der Film leider nicht
Vor mehr als einem Jahr begann ich, das hochinteressante Produktions-Tagebuch von Peter Jacksons Neuverfilmung des Kino-Klassikers King Kong auf KongisKing.net zu verfolgen. Ein derart tiefgehender Einblick in die umfangreichen Dreharbeiten und Post-Production-Aktivitäten war bisher ein Novum. Statt Geheim- haltung und verschlossener Türen konnte man Schauspieler und Produktion hautnah verfolgen. Das Ganze hat sein Ziel bei mir sicherlich nicht verfehlt… ich war neugierig wie selten in den letzten Jahren und brannte auf den Tag, an dem der Film endlich anlaufen würde. Doch schon während der Vorstellung - und ganz sicher danach - machte sich Ernüchterung bei mir breit. Peter Jackson hat die hohen Erwartungen diesmal nicht erfüllen können.
Für alle diejenigen, die im Kino-Geschichtsunterricht nicht aufgepasst haben, hier der Plot in aller Kürze…

Ann (Naomi Watts) wird geopfert
Die verarmte und glücklose Schauspielerin Ann Darrow (Naomi Watts) wird von dem ehrgeizigen aber auch rücksichtslosen Filmproduzent Carl Denham (Jack Black) zu Dreharbeiten im fernen Osten überredet. Denham selbst ist auf der Flucht vor seinen Geldgebern die seine filmischen Eskapaden nicht weiter finanzieren wollen. Sein geheimes Ziel: eine bisher unentdeckte Insel im indischen Ozean auf der er einen abenteuerlich-exotischen Liebesfilm drehen möchte. Dabei schreckt er auch vor der Entführung des bekannten Bühnenautors Jack Driscoll (Adrian Brody) nicht zurück, der ihm auf den Weg zur Insel das Drehbuch schreiben soll und sich prompt in die hübsche Ann verliebt. Auf der geheimnisvollen Insel angekommen machen Film-Crew und Schiffsmannschaft schnell Bekanntschaft mit Einheimischen die es sich in den Kopf gesetzt haben, die blonde Ann dem als Gott verehrten Riesengorilla Kong darzubieten.
Während ein Rettungsteam im Kampf gegen urzeitliche Fauna und Flora im Inneren der Insel schnell dezimiert wird, schafft es Ann den Gorilla für sich zu interessieren bis dieser sich in sie verliebt und gegen sämtliche Bedrohungen verteidigt - inklusive dem zur Rettung eilenden Jack. Die beiden können entkommen und Kong bei der Verfolgung in einen Hinterhalt locken. Die Bestie wird als Schauobjekt nach New York transportiert, kann sich aber während einer entwürdigenden Vorführung in einem Theater befreien und auf die Suche nach Anne machen. Endlich wieder vereint flüchtet er mit ihr auf das Empire State Building, dem höchsten Gebäude in Reichweite. Dort ist er dann schutzlos den Angriffen eines Jagdgeschwaders ausgesetzt, das ihn schließlich zur Strecke bringt.
Peter Jackson hat sich ein Kindheitstraum erfüllt und ein Remake des Films vollendet, der eigenen Aussagen nach einst seine Liebe zum Kino begründete. Wie ein frisch verliebter Jüngling, für den die eigene Braut die schönste der Welt ist, hat er sich nahezu kritiklos dem Original von 1933 verschrieben und dieses in den buntesten Farben und mit atemberaubender Tricktechnik ausgemalt. So sicher wie er die Meßlatte für die Anwendung der Motion Capture Technik zur Erschaffung virtueller Charaktere höher gelegt hat, so sehr ist es ihm diesmal misslungen, sein Publikum für Geschichte neu zu begeistern.

Ein Wiedersehen in New York
Warum aber funktioniert der Film nicht? Nun… dafür gibt es meiner Meinung nach mehrere Gründe. Gerade der Vergleich mit dem oft zu Unrecht geschmähten Remake von 1976 liefert einige interessante Aspekte.
Einer der grundlegendsten Fehler ist meiner Meinung nach darin zu suchen, dass der alte Plot des 33er Originals nicht in ausreichender Weise entrümpelt und an die Filmerfahrungen des heutigen Publikums angepasst wurde. Die Geschichte vom Filmproduzent in Geldnöten der zu einer mehrmonatigen Reise aufbricht nur um einen Film zu drehen, erscheint aus heutiger Sicht abwegig und an den Haaren herbeigezogen. So hat Jackson auch erhebliche Probleme plausibel darzulegen, warum gerade Jack und Ann Denham so bereitwillig folgen. Man muss sich das noch mal auf der Zunge zergehen lassen. Denham hat Ann gerade auf der Straße getroffen und schon geht sie mit ihm auf eine monatelange Schiffsreise mit komplett unbekannten Leuten - so hungrig und verzweifelt sieht sie trotz Depressionszeiten nicht aus. Jack Driscoll hat noch weniger Gründe mitzukommen. Dem erfolgreichen Bühnenautor entgeht jedoch glatt, dass die Venture geräuschvoll ablegt und dann scheut er sich die 10 Meter zwischen Schiff und Hafenkai durch einen halbwegs gewagten Sprung ins kühle Nass zu überwinden. Wenn man sieht, was er später riskiert um Ann zu retten, erscheint dies wie ein Kinderspiel. Zumindest sollte man anschließend erwarten, dass er Denham mal so richtig handfest die Meinung geigt… nichts da. Der Mann lässt sich in einen Affenkäfig sperren und schreibt brav sein Drehbuch.
Das 76er Remake setzt da ganz anders an. Hier ist es zeitgemäß eine Öl-Gesellschaft welche die kleine, bisher unentdeckte Insel als Bohrinsel-Stützpunkt nutzen will um die vermuteten Ölvorkommen abzuschöpfen. Passend dazu gesellt sich ein Jack Driscoll, der diesmal eine Art Greenpeace-Aktivist ist, der dem vorhaben kritisch bis ablehnend gegenüber steht und nur als blinder Passagier an Bord des Expeditionsschiffs gelangt. Ann (bzw. Dwan wie sie jetzt heißt) ist ein schiffbrüchiges Filmsternchen, das von der Expedition aufgelesen wird. Insgesamt ist die Geschichte - mindestens bis zum Auftauchen Kongs - deutlich plausibler und nachvollziehbarer.
Um fair zu bleiben sollte man erwähnen, dass beide Filme ihre Momente haben, wenn sich einem wirklich die Nackenhaare sträuben. Das 76er Remake hat solch wundervolle Einfälle wie Nebel der angeblich aus Kongs Atem bestehen soll, ein Radar, das Kongs Bewegungen sichtbar macht, eine Hauptdarstellerin, die den Affen nach seinem Sternzeichen fragt und einiges mehr. Jackson hat dafür ein Eingeborenendorf, das scheinbar aus Zombies besteht (die im weiteren Verkauf scheinbar von er Erdoberfläche verschwunden sind), eine Riesenfledermaus, die unsere beiden Helden vorbildlich vom Affenfelsen zum Fluss trägt, eine Brontosaurus-Stampede die in einer Massenkarambolage endet und eine Hauptdarstellerin, die dem Affen Kunststückchen vorführt.

Kurz vor dem Showdown auf dem Empire State Building
Berücksichtigt man jedoch, dass mit Fran Walsh, Philippa Boyens und Peter Jackson selbst ein Oscar-prämiertes Drehbuchteam am Werk war, muss der Anspruch einfach höher liegen, als ein weiteres, quälend unglaubwürdiges Drehbuch abzuliefern. Kaum einer der Charaktere wird lebendig und reift zur Identifikationsfigur. Der arme Adrien Brody wird sogar zur Nervensäge. Viele Fragen bleiben offen (Woher kommt die Karte? Wie kommt der Affe auf das Boot?) und einige sind sogar dazugekommen (Wieso blutet der Gorilla nicht wie ein Schwein, wenn ihn ein T-Rex fast den Arm abbeißt?).
Leider wird dieses inhaltliche Sparprogramm jetzt auch noch auf über drei Stunden aufgeblasen - eine Special Extended Edition auf DVD erscheint hier eher als ultimative Drohung denn als verlockende Aussicht. Die Exposition mit dem New York der 30er Jahre und der Überfahrt zur Insel zieht sich über fast eine Stunde. Detailverliebt bekommen wir allerhand Menschen und deren Schicksale vorgestellt. Angefangen bei Anns Schauspielerkollegen, über die versnobten Financiers hinweg bis zu den Crewmitgliedern darf jeder seine Geschichte und Auftritt haben… ob sie für die Story relevant sind oder nicht.
Die Schiffsbesatzungsmitglieder Even Park als Hayes und Jamie Bell als Jimmy dienen hier als gutes Beispiel. Hayes ist Jimmies Ersatzvater - er hat ihn als vernachlässigtes Kind und Straßendieb aufgelesen und sich seiner an Bord der Venture angenommen. Jackson räumt diesem Subplot insgesamt sicherlich gute 5 Minuten ein, nur um später Jimmies starke Gefühle zu erklären als Kong seinen Mentor wütend an die Wand schleudert. Damit lenkt er den Zuschauer auf Fährten, denen er später kaum Beachtung schenken kann und wird. Dazu kommen noch neue Charaktere wie Kyle Chandler als Bruce Baxter, der inkonsistent zwischen schleimiger Feigling und mutiger Retter in der Not schwanken darf.
Genug der Drehbuchschelte. Ein weiterer, wichtiger Grund für das Scheitern des Films ist der Gorilla selbst. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Kong ist der glaubwürdigste und am besten portraitierte Charakter den Jackson zu bieten hat.

Naomi Watts und Kong
Die Szenen zwischen Naomi Watts und dem perfekt animierten Riesen-Gorilla gehören allein schon deshalb zu den Höhepunkten, weil man hier bewundern kann, wie dem virtuellen Computergeschöpf im Motion-Capture Verfahren derartig viel Leben eingehaucht wurde, das man meint einen echten Gorilla vor sich zu haben. Für diese Leistung kann man Andy Serkis, der schon als Gollum in Jacksons Herr der Ringe faszinierendes vollbracht hat, gar nicht genug Anerkennung zollen. Disneyhafte Klischees werden ausgespart und an deren Stelle rückt aufmerksam beobachtete Affen-Mimik und -Gestik.
Genau das ist jedoch gleichzeitig das Problem. Die Kongs des 33er Originals und des 76er Remakes waren Monster die kaum etwas mit einem tatsächlichen Affen gemein hatten. Es waren Klischees die einfach nur die Ängste der Menschen bedienen sollten. Sie waren nie dazu gedacht, zoologische Fallstudien zu werden, an denen man das typische Verhalten wildlebender Gorillas beobachten sollte. Kong war ein Kinomonster… kein echter Gorilla.
Zur gleichen Zeit verfügte das breite Kinopublikum über extrem geringe Kenntnisse über die Welt der Gorillas. Filme wie Hugh Hudsons Greystoke oder Michael Apteds Gorillas im Nebel sollten erst noch kommen. Selbst Disneys Tarzan hat die Grundzüge des Lebens in einer Gorillaherde verinnerlicht. Wie Angsteinflößend kann nun aber ein Kinomonster noch sein, das im Prinzip einen allein lebenden Gorilla darstellt, der halt ein wenig größer und kräftiger ist als normal? Jackson legt ihn so sehr als Gorilla an und schafft das derart beeindruckend, dass jedes Monstergefühl in den Hintergrund rückt - insbesondere ab dem Zeitpunkt da man das Tier zum ersten Mal in voller Größe sieht. Spätestens wenn Kong dann Bambusstangen fressend vor seinem Felsen hockt, und damit zeigt, dass er naturgemäß Pflanzenfresser ist, fragt man sich, warum die Eingeborenen ihm überhaupt Menschenopfer erbracht haben.
Jackson hat King Kong eindrucksvoll weiterentwickelt und aus ihm einen richtigen Charakter gemacht. Leider ist das ein Pyrrus-Sieg denn damit nimmt er uns unsere Angst und somit einen der wichtigsten Stützpfeiler der Geschichte. Aber kann es heutzutage überhaupt noch gelingen, dem Kinopublikum angesichts eines übergroßen Affen das kalte Grauen beizubringen?
An dieser Stelle sollt man vielleicht kurz die Altersfreigabe (FSK12, PG13 etc.) diskutieren. Um seinen Film einem größeren Publikum zeigen zu dürfen nimmt Jackson einiges in Kauf, auch wenn das was übrig bleibt immer noch sehr viel ist. Die Kong-vs-T-Rex Szenen sind genauso gewalttätig wie atemberaubend und das Schlachtfest mit den Rieseninsekten im Graben kann man schon als Anfänger-Trip in die Welt der Splatter-Genre bezeichnen. Aber… schon bemerkt… es fließt nahezu kein Blut. Das fällt ganz besonders auf, wenn Kong auf dem Dach des Empire State Buildings zusammengeschossen wird. Ich habe den Film natürlich nur einmal gesehen, kann mich aber einen keinen einzigen Tropfen Blut erinnern. Bin ich blutrünstig? Nein, aber ein wenig mehr Glaubwürdigkeit hätte an dieser Stelle sicher nicht geschadet. Beim Herr der Ringe spekulierte man offenbar von vornherein auf älteres Publikum.

King Kong in Action
Abchließend läßt sich zusammenfassen, das Jackson uns hier leider nur technisch erstklassiges, teils Slapstickartig, teils einer Achterbahnfahrt gleich inszeniertes Big-Budget-Kino zeigt. Alle wichtigen Zutaten sind da und doch scheint man von allem ein wenig zu viel in den Topf gegeben zu haben. Herausgekommen ist ein aufgeblasener Streifen, dem man zwar ansieht, dass die Macher fiel Herzblut und Detailliebe investiert haben, der jedoch langatmig und ohne Spannung am Zuschauer vorbeigeht.